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Das Geschäftsmodell der Kreislaufwirtschaft

Ein Modell für die Zukunft der Baubranche

Das innovative Konzept der Kreislaufwirtschaft verdient mehr Beachtung. Trotz rechtlicher Grundlagen und des Potenzials für Umwelt- und Kosteneffizienz steckt die Umsetzung aber noch in den Kinderschuhen. Wir zeigen Herausforderungen wie das Fehlen zirkulärer Messkriterien und das mangelnde Bewusstsein für die Vorteile der Wiederverwendung von Materialien sowie Lösungsansätze durch Technologie, Aufklärung und neue Denkweisen.

Von Anja Bundschuh und Marloes Fischer

Das Prinzip der Kreislaufwirtschaft in der Bauindustrie ist ein ambitioniertes Vorhaben, das weit mehr als nur Recycling umfasst. Es geht darum, Gebäude und Infrastrukturen von Grund auf als Materiallager zu konzipieren. Ziel ist, am Ende ihrer Nutzungsdauer Materialien nicht nur zu recyceln, sondern sie aufzuwerten (Upcycling) statt sie zu degradieren (Downcycling). Diese Umstellung ist allerdings komplex und erfordert ein Umdenken auf allen Ebenen der Wertschöpfungskette.

Die Planungsphase spielt eine zentrale Rolle in diesem Wandel. Gebäude werden unter Berücksichtigung ihres gesamten Lebenszyklus entworfen, wobei modulare Designs und standardisierte Komponenten für eine einfache Demontage und Wiederverwendung entscheidend sind. Digitale Technologien wie Material-Passport-Systeme und digitale Zwillinge können eingesetzt werden, um den Materialfluss zu optimieren und die Nachverfolgbarkeit zu gewährleisten. Fördermechanismen und regulatorische Anpassungen sind ebenfalls unerlässlich, um den Übergang von einer linearen zu einer zirkulären Wirtschaftspraxis zu fördern.

Neues Denken und Handeln im Ökosystem

Unsere Erfahrungen zeigen, dass die Zusammenarbeit aller relevanten Akteure, ihre Sensibilisierung und Befähigung entscheidend für den Erfolg ist. Der Weg zu einer zirkulären Baubranche kann nur durch gemeinsame Anstrengungen der Beteiligten entlang der gesamten Wertschöpfungskette erreicht werden. Innovationen spielen dabei eine Schlüsselrolle, um Materialflüsse zu optimieren und die Planung, den Bau sowie den Betrieb von Gebäuden effizienter und ressourcenschonender zu gestalten.

Der Weg dorthin ist lang. Zirkuläres Bauen lässt sich nicht allein am Reissbrett planen oder durch Software simulieren. Ein tiefgreifendes Verständnis für die Prinzipien und Vorteile des zirkulären Bauens entwickelt sich erst in der Praxis, durch die Umsetzung und Evaluierung konkreter Projekte. Dabei wird entlang der Wertschöpfungskette und über alle Gebäudelebenszyklen hinweg Wissen und Erfahrung aufgebaut, was wiederum Prozesse und Produkte in Richtung Zirkularität verändert.

Der entscheidende Faktor für die Umsetzung einer Kreislaufwirtschaft in der
Baubranche sind der Mut und die Kooperationsbereitschaft der Akteure. Entsprechend ist es wichtig, dass Verwaltungsräte und Geschäftsleitung diese Weichen
stellen und unterstützen. Dies trägt nicht
nur zu einem nachhaltigeren und widerstandsfähigeren Bauwesen bei, sondern
inspiriert und befähigt zukünftige Generationen, auf diesen Erfahrungen aufzubauen und sie weiterzuentwickeln.

Kreislaufwirtschaft in der Schweizer Baubranche

Die Umsetzung von Kreislaufwirtschaftsprinzipien in der Baubranche der Schweiz steht am Anfang. Trotz der Tatsache, dass die Bauindustrie für einen erheblichen Teil der Abfallproduktion, CO2 -Emissionen und des Energieverbrauchs in der Schweiz verantwortlich ist, zeigen Studien, dass erst ein geringer Prozentsatz der Unternehmen kreislaufwirtschaftliche Aktivitäten umsetzt. Diese Zurückhaltung verdeutlicht die komplexen Herausforderungen, denen sich die Branche gegenübersieht.

Rechtliche Rahmenbedingungen

Die schweizerische Gesetzgebung, einschliesslich des Bauproduktegesetzes, der Bauprodukteverordnung und des CO2 -Gesetzes, schafft bereits eine Grundlage, die den Einsatz umweltfreundlicher Materialien und energiesparender Technologien fördert. Trotz dieser fortschrittlichen Gesetzgebung bleibt die Umsetzung von Kreislaufwirtschaftsprinzipien hinter den Möglichkeiten zurück.

Aktueller Stand und Umsetzungsbarrieren

Die geringe Sanierungsquote und die langsame Einführung kreislaufwirtschaftlicher Praktiken in der Baubranche sind insbesondere im Hinblick auf die Erreichung der Klimaziele kritisch. Zwei Hauptgründe für diese Herausforderungen sind das Fehlen von zirkulären Messkriterien und das mangelnde Bewusstsein für die langfristige Kosteneffizienz der Wiederverwendung von Materialien.

Lösungsansätze

Die Digitalisierung und der Einsatz von Technologien wie BIM (Building Information Modeling) und Materialpässe, wie sie von Madaster angeboten werden, könnten Schlüsselfaktoren für die Messbarkeit von Materialien im zirkulären Bau sein. Diese Ansätze ermöglichen es, den Wert von Materialien sichtbar zu machen und somit die Grundlage zur Umsetzung von Zirkularität im Bau zu schaffen.

Darüber hinaus ist die Aufklärung über die Vorteile der Kreislaufwirtschaft entscheidend. Organisationen wie «Circular Economy Switzerland», «Empa», «Circular Hub» und «Sustainable Switzerland» und die neu gegründete C33-Koordinationsstelle für zirkuläres Bauen leisten wichtige Arbeit, um das Bewusstsein und das Wissen in der Branche zu fördern.

Fazit

Die schweizerische Baubranche steht an einem Wendepunkt. Die Notwendigkeit eines Wandels hin zu mehr Zirkularität ist offensichtlich. Die Umsetzung erfordert koordinierte Anstrengungen aller Beteiligten. Durch die Verbindung von fortschrittlicher Technologie, modernen rechtlichen Rahmenbedingungen, Bildungs- und Aufklärungsinitiativen sowie eine Neugestaltung der Planungs- und Bauprozesse kann die Branche einen entscheidenden Beitrag zur Nachhaltigkeit und Erreichung von Klimazielen leisten. Die Zukunft der Kreislaufwirtschaft in der Baubranche ist nicht nur eine Frage der technischen Machbarkeit, sondern auch des Willens und der Fähigkeit aller Akteure, gemeinsam auf dieses Ziel hinzuarbeiten. Gerade Verwaltungsräte können hier eine führende Rolle im Wandel zur Kreislaufwirtschaft einnehmen.

  • strategische Neuausrichtung: Verwaltungsräte sollten die Bedeutung der Kreislaufwirtschaft in ihre Unternehmensstrategie integrieren. Dies beinhaltet die Entwicklung von langfristigen Zielen, die auf Nachhaltigkeit und Ressourceneffizienz ausgerichtet sind.
  • Förderung einer Unternehmenskultur der Nachhaltigkeit: Schaffung einer Unternehmenskultur, die Nachhaltigkeit und kreislauforientiertes Denken in allen Unternehmensbereichen fördert. Dazu gehört auch die Aus- und Weiterbildung der Mitarbeitenden in diesem Bereich.
  • Investition in Technologie und Innovation: Förderung der Investition in neue Technologien, die die Wiederverwendung von Baumaterialien unterstützen. Hierbei ist es wichtig, sowohl in Hardware als auch in Software zu investieren, um eine effiziente Sammlung und Analyse von Daten zu ermöglichen.
  • Kollaboration und Partnerschaften: Etablierung von Partnerschaften mit anderen Unternehmen, Start-ups, wissenschaftlichen Einrichtungen und deröffentlichen Hand. Solche Kooperationen können ein gemeinsames Verständnis und innovative Lösungen hervorbringen, um die Implementierung von kreislauforientierten Prozessen zu beschleunigen.
  • Einflussnahme auf rechtliche Rahmenbedingungen: Aktive Teilnahme an Diskussionen und Lobbyarbeit für Gesetze und Normen, die die Kreislaufwirtschaft fördern. Verwaltungsräte können hier eine wichtige Rolle als Vermittler zwischen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft spielen.

  • Förderung von Bildung und Aufklärung: Unterstützung von Bildungsinitiativen, die das Bewusstsein und Verständnis für die Kreislaufwirtschaft erhöhen. Dies kann durch die Finanzierung von Forschungsprojekten, Workshops und Konferenzen erfolgen.
  • Überarbeitung der Beschaffungsund Bauverfahren: Anpassung der Beschaffungsrichtlinien, um nachhaltige und wiederverwendbare Materialien im Sinne von Zirkularität zu bevorzugen. Ebenso sollten Bauverfahren überdacht werden, um den gesamten Lebenszyklus von Gebäuden zu berücksichtigen.
  • Monitoring und Reporting: Implementierung eines effektiven Monitoringsystems zur Überwachung der Fortschritte im Bereich der Kreislaufwirtschaft. Dies beinhaltet auch das Reporting gegenüber Stakeholdern und der Öffentlichkeit.

Anja Bundschuh

Anja Bundschuh ist studierte Kommunikationswissenschaftlerin und Politologin. Sie begleitet Menschen und Organisationen auf ihrem Weg der Transformation. Kommunikation steht dabei im Zentrum. Sie integriert und vernetzt die Inhalte des Circular Hub, um Schweizer Unternehmen für Kreislaufwirtschaft zu sensibilisieren und zu aktivieren.

Marloes Fischer

Marloes Fischer ist Gründerin und CEO des Circular Hub, der Wissens- und Netzwerkplattform für Kreislaufwirtschaft in der Schweiz, sowie Verwaltungsratsmitglied von Madaster Schweiz. Die Transformationsexpertin zeigt Wege auf, die zur Verbesserung sozialer, ökologischer und ökonomischer Faktoren für Mensch, Umwelt und Wirtschaft führen.

madaster.ch www.circularhub.ch

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