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Mehr Power im Verwaltungsrat? So werden Sie ein High-Performance-Team

Das heutige Geschäftsumfeld ist geprägt von «Anti-Stabilität», ob technologische Innovationen im Betrieb (aktuell beispielsweise die Nutzung von ChatGPT) oder die sich ändernden Ansprüche von Kunden und immer mehr auch der Mitarbeitenden. In diesem Umfeld ist eine klare Strategie unerlässlich, um die richtigen Entscheidungen treffen zu können. Es braucht weniger statische «Fünfjahrespläne», sondern Strategien, die sich agil den neuen Gegebenheiten anpassen können.

Von Prof. Dr. Lars B. Sonderegger

Der Verwaltungsrat als das oberste Aufsichts- und Gestaltungsorgan eines Unternehmens spielt eine zentrale Rolle in der Strategieentwicklung und -umsetzung. Dieses strategische Gremium kann daher massgeblich zum Unternehmenserfolg beitragen – doch nur dann, wenn es auch effektiv genutzt wird. Schätzungen zufolge engagieren sich heute mehr als 400000 Verwaltungsräte und -rätinnen für die über 100000 Kapitalgesellschaften in der Schweiz. Dies stellt ein enormes Potenzial dar, Mehrwert zu schaffen – wenn es denn gelingt, diese Verwaltungsgremien so wirksam wie möglich zu machen. Hierfür braucht es Verwaltungsrät*innen, die als Gremium mehr leisten als «die Summe ihrer Einzelteile». Doch wie gelingt dies?

Selbstverständnis des Verwaltungsrats: Der statische Verwaltungsrat

Lange wurde der Verwaltungsrat primär als Gremium betrachtet, dessen Hauptaufgabe neben der Strategieentwicklung vor allem die Überwachung der Geschäftsleitung war. Dabei standen finanzielle Aspekte und die Einhaltung gesetzlicher Vorschriften im Vordergrund. Typischerweise setzte sich das Gremium aus erfahrenen Führungskräften zusammen, die ihre früheren Erfahrungen und Kenntnisse einbrachten. Schlüsselentscheidungen wurden basierend auf dem Erfahrungsschatz der Mitglieder getroffen.

Das dahinterliegende Selbstverständnis ist, dass der Schlüssel für zukunftsweisende Entscheidungen in den Erfahrungen der Vergangenheit gefunden werden kann. Aufgrund der Stabilität des Umfelds waren die Erfahrungen der Vergangenheit in einem weitgehend konstanten Kontext ein verlässlicher Ratgeber für zukünftigen Erfolg. Und so hat diese Herangehensweise lange Zeit für viele Unternehmen gut funktioniert.

Was hat sich geändert? Das Umfeld, in dem Unternehmen agieren, verändert sich in einem raschen Tempo. Auf globaler Ebene verschieben sich politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen – etwa durch Zölle –, während die Demografie durch den Rückzug der erfolgreichen «Babyboomer»- Generation tiefgreifend am Wandeln ist. Zudem hat Social Media nicht nur die Art der Kommunikation, sondern auch die zwischenmenschliche Interaktion grundlegend verändert. Diese Veränderungen sind omnipräsent und branchenübergreifend. Was klar ist: Die Erfahrungen der Vergangenheit allein reichen heute in vielen Fällen nicht mehr aus, um für die Zukunft die Weichen richtig zu stellen.

Das Gegenmittel? Der Verwaltungsrat als agiles Team

Während früher die Expertise und individuellen Erfahrungen der Vergangenheit des einzelnen Verwaltungsrats im Vordergrund standen, bedürfen aktuelle und künftige Herausforderungen kollektiver Intelligenz. Somit basieren Entscheidungen und Handlungen im Verwaltungsrat nicht länger nur auf den Fähigkeiten und dem Wissen einzelner Mitglieder, sondern auf der Zusammenarbeit und dem Austausch im gesamten Gremium. Durch die Vielfalt an Perspektiven, Erfahrungen und Kompetenzen – eben kollektive Intelligenz – entsteht eine fundiertere Problemlösungskapazität und raschere Entscheidungsfindung.

Dies bedingt, dass sich der Verwaltungsrat von einer Gruppe Einzelkämpfer zu einem Gremium entwickelt, das miteinander agiert. Eine Gruppe besteht aus Individuen, die gemeinsam arbeiten, aber eher lose gekoppelt voneinander agieren und sich auf ihre individuellen Beiträge konzentrieren. Ein High-Performance-Team geht leistungsmässig weit über eine Gruppe hinaus: Es zeichnet sich durch enge Zusammenarbeit, gemeinsames Zielbewusstsein, hohes Vertrauen und gegenseitige Verantwortung aus. In einem High-PerformanceTeam ergänzen sich die Fähigkeiten der Mitglieder, und sie streben aktiv nach herausragenden Ergebnissen, nicht nur nach der Erfüllung von Einzelaufgaben. Und nach einer Studie der McKinseyPartner Keller & Meaney (2017) steigert sich so die Produktivität um den Faktor fünf! Ein starker Business-Case, um ein solches Team zu entwickeln.

Fünf Schritte zum High-Performance-Team

Mit den folgenden fünf Schritten können sich Verwaltungsratsgremien innert nützlicher Zeit signifikant verbessern:

1. Klarer Auftrag, Vision und Ziele: Welchen Beitrag leisten wir zum Unternehmenserfolg?

High-Performance-Teams wissen stets genau, was die gemeinsamen Ziele sind, und handeln entsprechend (Burkus, 2023). Herrscht bei uns Klarheit darüber, worin der Auftrag des Gremiums besteht – sprich, sind primär formale Tätigkeiten zu erfüllen, oder soll man die Geschäftsleitung unterstützen und weiterbringen? Haben wir unsere Ziele operationalisiert, und messen wir unseren Fortschritt regelmässig?

2.Hohe Fachkompetenz: Wovon brauchen wir noch mehr?

High-Performance-Teams zeichnen sich durch eine Kombination aus tiefgreifendem Fachwissen und der Fähigkeit aus, dieses Wissen gezielt für strategische Entscheidungen einzusetzen. Verfügen wir über die nötigen Fachkompetenzen, um die aktuelle Lage des Unternehmens ganzheitlich zu bewerten und strategisch fundierte Entscheidungen zu treffen? Wenn wir zudem den Blick in die Zukunft richten, haben wir im Verwaltungsrat die richtigen Personen mit den passenden Erfahrungen? Was fehlt uns aktuell, und wovon brauchen wir künftig mehr?

3.Effektive Kommunikation: Wie können wir unsere Kommunikation noch verbessern?

Für einen Verwaltungsrat ist eine gemeinsame Sprache und Klarheit in der Kommunikation entscheidend, um effizient zusammenzuarbeiten und Missverständnisse zu vermeiden. Durch klare Kommunikation verstehen alle beteiligten Personen die Ziele und Strategien besser, was die Entscheidungsfindung beschleunigt und die Effizienz steigert (Adler, 2023). Die Fragen an Ihren VR sind also: Könnte unsere Kommunikation noch klarer oder effektiver sein? Scheuen wir uns davor, kontroverse Themen zu diskutieren? Berücksichtigen wir in der Entscheidfindung unterschiedliche Perspektiven?

4.Vertrauen und Verbindlichkeit: Wie können wir unser Vertrauen ineinander steigern?

Starkes Vertrauen und hohe Verbindlichkeit in Abmachungen sind laut Petriglieri (2023) zentrale Faktoren für die Effektivität eines Verwaltungsrats. Vertrauen zwischen den Mitgliedern ermöglicht offene Diskussionen und einen ehrlichen Austausch von Ideen, was die Qualität der Entscheidungen verbessert. Eine hohe Verbindlichkeit in den getroffenen Abmachungen stellt sicher, dass alle Mitglieder ihre Verantwortlichkeiten ernst nehmen und Massnahmen konsequent umgesetzt werden. Fragen Sie sich: Wie gut kennen wir uns im VR? Verbringen wir auch ausserhalb der Sitzung etwas an «sozialer» Zeit miteinander?

5.Drang zu stetiger Verbesserung: Worin verbessern wir uns?

Laut Katzenbach & Smith (2023) besteht die «DNA»von High-PerformanceTeams darin, sich kontinuierlich verbessern zu wollen! Alle Mitglieder sind bestrebt, ihre Fähigkeiten, Prozesse und Ergebnisse fortlaufend zu optimieren. Für einen Verwaltungsrat bedeutet dies, dass das Gremium nicht nur auf bisherigen Erfolgen verweilen darf, sondern aktiv nach Möglichkeiten suchen muss, um effektiver und effizienter zu arbeiten. Eine solche Einstellung fördert Innovation und Anpassungsfähigkeit, was in einem sich ständig verändernden Geschäftsumfeld entscheidend ist. Daher die Frage: Bemühen sich Ihre Verwaltungsräte, stets «up to date» zu sein mit den Entwicklungen des Marktumfelds? Fragen Sie aktiv nach Feedback?

Fazit und der erste konkrete Schritt

Ein stark aufgestellter Verwaltungsrat ist ein entscheidender Faktor für den langfristigen Erfolg eines Unternehmens – heute mehr denn je. Die fünf vorgestellten Schritte bieten eine praxisnahe Anleitung, wie jeder Verwaltungsrat nicht nur effizienter, sondern auch leistungsfähiger werden kann. Klar definierte Ziele, gezielte Fachkompetenz, effektive Kommunikation, Vertrauen und Verbindlichkeit sowie der stetige Drang zur Verbesserung schaffen die Basis, um das Potenzial eines Verwaltungsrats voll auszuschöpfen. Führungskräfte in KMU können dadurch ihre Unternehmen besser für die Zukunft aufstellen, flexibel auf Veränderungen reagieren und nachhaltige Wettbewerbsvorteile sichern.

Vielleicht starten Sie mit der Diskussion zu einem dieser High-PerformancePunkte? Ein guter erster Schritt könnte jedoch auch sein, eine regelmässige Selbstevaluation des Verwaltungsrats durchzuführen. Studien zeigen, dass Verwaltungsräte, die diesen Ansatz nutzen, deutlich effektiver arbeiten (McKinsey, 2022). Fragen wie: «Wie gut sind wir? Wo können wir uns verbessern?», können dabei helfen, die Idee eines kontinuierlichen Verbesserungsprozesses auch auf Board-Level zu etablieren. Ein systematischer Ansatz zur Qualitätsverbesserung stellt sicher, dass die richtigen Fragen gestellt werden und der Verwaltungsrat sich rasch als Team weiterentwickeln kann.

Prof. Dr. Lars B. Sonderegger

Prof. Dr. Lars B. Sonderegger forscht an der Hochschule Luzern im Bereich Führung und Organisation. Sein Spezialgebiet ist Neuroleadership. www.larssonderegger.com

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