
Warum Tragfähigkeit und Nachfolge neu gedacht werden müssen
Ein tragfähiges Unternehmen bedarf nicht nur eines soliden Geschäftsmodells, sondern auch einer Eigentümerstrategie – Familienunternehmen beziehen deshalb die Familie als tragendes Element in ihre Strategie mit ein. In Familienunternehmen entscheidet nicht allein der Markt über Erfolg oder Misserfolg. Oft sind es interne Spannungen, unklare Rollen oder ungelöste Nachfolgefragen, die das Unternehmen gefährden. Tragfähigkeit bedeutet deshalb mehr als wirtschaftliche Stabilität: Sie verlangt nach Strukturen, die Generationen überdauern.
Von Daniel Kertesz und Marcel Jakob
Tragfähigkeit bedeutet Generationenfähigkeit
Ein funktionierendes Geschäftsmodell ist kein Garant für Generationenfähigkeit. Unternehmerfamilien brauchen mehr: eine klare Eigentümerstrategie, rechtlich sauber, familiär abgestimmt und auf gemeinsamen Werten gebaut.
Gerade in Übergabephasen zeigt sich: Viele Unternehmen sind wirtschaftlich stark, aber strukturell verletzlich. Fehlen klare Regeln zu Eigentum, Entscheidungswegen oder Mitwirkung, entstehen Unsicherheit und Konflikte. Tragfähigkeit zeigt sich nicht in guten Zeiten, sondern unter Druck – wenn Interessen aufeinandertreffen, Spannungen wachsen und externe Dynamiken die Familie fordern. Dann braucht es Strukturen, die halten: wirtschaftlich sinnvoll, menschlich tragfähig.
Tragfähige Nachfolge ist auch Aufgabe des Verwaltungsrats
Der Verwaltungsrat trägt die Verantwortung für die strategische Führung des Unternehmens – und muss dabei auch die Eigentümerschaft im Blick behalten. Er sollte Veränderungen in der Eigentümerstruktur frühzeitig erkennen, bei Bedarf anstossen und begleiten. Etwa wenn es darum geht, ob die Eigentümerfamilie bereit und in der Lage ist, notwendige Investitionen für Wachstum oder Transformation zu tätigen.
Nachfolgefragen betreffen nicht nur die Eigentümer, sondern auch das Unternehmen selbst. Der Verwaltungsrat muss deshalb – auch unbequeme – Entscheidungen treffen: Ist eine familieninterne Nachfolge tragfähig, oder ist eine externe Lösung im besten Interesse des Unternehmens?
Nachfolge ist ein Prozess – kein Übergabeakt
Nachfolge beginnt lange vor der Übergabe – mit Gesprächen, Strukturen und klaren Entscheidungen: Wer trägt welche Verantwortung? Wer hat welche Rolle? Und was bedeutet das für jene, die nicht operativ eingebunden sind? Nachfolge ist multidimensional. Sie berührt nicht nur rechtliche und steuerliche Fragen, sondern auch Identität, Vertrauen und familiäre Dynamiken. Einzelmassnahmen greifen nur, wenn sie Teil eines ganzheitlichen, auf die Familie abgestimmten Plans sind.
Ein tragfähiges Nachfolgekonzept schafft Klarheit und psychologische Sicherheit – für Übergebende, Nachfolgende und das Umfeld. Es öffnet Raum für Dialog, Rollenklärung und strategische Weiterentwicklung.
Governance schafft Verlässlichkeit – für Familie und Unternehmen
Gute Governance schützt nicht nur vor Krisen – sie stärkt das Miteinander. Gerade in Familienunternehmen schafft sie Klarheit über Rollen, Prozesse und Erwartungen. Gute Governance ist nicht einfach Bürokratie, sondern Ausdruck von Respekt und Verlässlichkeit.
Zentrale Elemente einer guten Governance sind:
- eine Familienverfassung mit verbindlichen Grundsätzen
- Regelungen zur Mitbestimmung und zum Schutz nicht-operativer Familienmitglieder
- Kompetenzprofile für Gremienfunktionen
- klar geregelte Mechanismen für Anteilsübertragungen
Solche Strukturen reduzieren Reibungsverluste, fördern Vertrauen und schaffen einen verbindlichen Rahmen, innerhalb dessen auch heikle Themen besprochen werden können. Governance bedeutet dabei nicht einfach Administration oder Kontrolle, sondern Orientierung – und damit Stabilität im Wandel.
Wichtig ist: Eine langfristig tragfähige Governance ist kein fertiges Regelwerk «von der Stange», sondern selbst Teil des lebendigen unternehmerischen Entwicklungsprozesses. Sie muss zur Kultur, zur Geschichte und zur Zielsetzung der Familie passen – und deshalb gemeinsam mit der Familie entwickelt und regelmässig überprüft werden.
Eine tragfähige Familiengovernance bietet dem Verwaltungsrat klare Leitplanken: Welche Erwartungen hat die Familie an das Unternehmen? Wie weit reicht ihr Engagement – und wo nicht? Wer entscheidet was? Als Eigentümerstrategie gibt sie Richtung und Rahmen für die langfristige Ausrichtung des Unternehmens vor.
Wandel braucht rechtliche Einbettung
Viele Familienunternehmen sind innovationsstark. Doch neue Geschäftsfelder, Beteiligungen oder Umstrukturierungen verändern nicht nur das Geschäftsmodell – sondern auch das rechtliche und steuerliche Gefüge. Damit ein solcher Wandel gelingt, braucht es begleitende Strukturarbeit: sauber, vorausschauend und abgestimmt auf Familie und Unternehmen. Es geht nicht darum, Innovation zu verhindern – sondern sie verantwortungsvoll zu ermöglichen.
Die Familie als Geschäftsmodell
Der zentrale Erfolgsfaktor vieler Familienunternehmen ist nicht das Produkt, sondern die Familie. Doch sie trägt nur, wenn sie Verantwortung übernimmt, gemeinsam entscheidet und verbindliche Werte teilt.
Immer mehr erfolgreiche Unternehmerfamilien setzen auf eine koordinierende Vertrauensperson – eine Personne de confiance. Sie vertritt nicht Einzelinteressen, sondern das Ganze. Sie kennt die Familie, ist unabhängig, integrativ und verbindet interne Anliegen mit externer Expertise.
Gerade in Übergaben, wenn Emotionen, Komplexität und Entscheidungsdruck zusammentreffen, wird diese Rolle zum Schlüssel: als Impulsgeberin, Übersetzerin und Haltgeberin – besonders dann, wenn Kommunikation stockt oder Beratung zersplittert. Ob langjähriger Berater, ehemaliges Familienmitglied im Management oder externer Profi: Entscheidend sind Vertrauen, Integrationskraft und die Fähigkeit, Konflikte zu moderieren und Prozesse konsequent voranzubringen.
Die Bedeutung von Eigentümerstrategie und guter Governance
- Ein tragfähiges Familienunternehmen benötigt nicht nur ein solides Geschäftsmodell, sondern auch eine klare Eigentümerstrategie, die auf gemeinsamen Werten basiert. Der Verwaltungsrat von Familienunternehmen trägt die Verantwortung, basierend auf dieser Eigentümerstrategie Nachfolgesituationen frühzeitig zu erkennen und zu begleiten.
- Auf der Eigentümerstrategie aufbauend schafft eine gute Governance Klarheit über Rollen, Prozesse und Erwartungen im Rahmen der Nachfolge und stärkt das Miteinander.
- Nachfolge ist ein langfristiger und interdisziplinärer Prozess, der nicht nur rechtliche und steuerliche, sondern auch familiäre Aspekte berücksichtigt und klare Strukturen und Entscheidungen erfordert. Vermehrt setzen Unternehmerfamilien dabei auf eine koordinierende Vertrauensperson – eine Personne de confiance.
Juristische Begleitung als Teil des Gesamtsystems
Rechtliche Beratung in Unternehmerfamilien erschöpft sich nicht in Vertragsprüfung oder Steuerstrukturierung. Sie entfaltet Wirkung, wenn sie die familiäre Dynamik, unternehmerische Realität und langfristigen Ziele integriert.
Ein gutes Vertragswerk ist Ergebnis geordneter, oft schwieriger Gesprächenicht juristische Schablone. Es bildet Interessen und Abläufe so ab, dass es kaum zur Anwendung kommen muss. Denn Recht wirkt im Familienunternehmen nie rein technisch: Gesellschaftsverträge, Nachfolgeregelungen oder Governance-Modelle beeinflussen auch Beziehungen, Erwartungen und Machtverhältnisse.
Wirksam wird juristische Begleitung, wenn sie Expertise mit strategischem und familiärem Verständnis verbindet – idealerweise im Zusammenspiel mit einer «Personne de confiance». Nur als Teil eines interdisziplinären, zentral koordinierten Prozesses wird sie zur gestaltenden Kraft für ein generationenfähiges Geschäftsmodell.
| Ausblick auf die kommenden Ausgaben | ||
| Ausgabe | Monat | |
| Nr. 7 | Juli/August 2025 | Diversität – Vielfalt schafft Fortschritt |
| Nr. 8 | September 2025 | Risiko – sicher navigieren |
| Nr. 9 | Oktober 2025 | Leadership - Vertrauen und Verantwortung |
Fazit: Tragfähigkeit entsteht durch Struktur – und Beziehung
Tragfähigkeit ist keine Eigenschaft eines Unternehmens allein. Sie entsteht im Zusammenspiel von wirtschaftlicher Logik, familiärem Zusammenhalt und klarer rechtlicher Struktur.
Dazu braucht es Prozesse, die mit Weitblick gestaltet werden – juristisch fundiert, familiär eingebettet und strategisch begleitet. Und oft hilft eine unabhängige Vertrauensperson dabei, die Fäden zusammenzuhalten und die Perspektive des Ganzen zu wahren.
Denn am Ende gilt: Nicht das Unternehmen trägt die Familie – sondern die Familie das Unternehmen.
Daniel Kertesz
Daniel Kertesz ist Unternehmer, Mediator und Experte für Family Governance und Family Dynamics. Er berät und begleitet namhafte Unternehmer und Unternehmerfamilien im Aufbau von Strategien und Strukturen ihrer Familien. www.kertesz.net
Marcel Jakob
Marcel Jakob ist Rechtsanwalt und Partner im Fachbereich Gesellschafts- und Handelsrecht der Kanzlei Schellenberg Wittmer, Zürich. Er begleitet regelmässig Nachfolgeprozesse juristisch. www.swlegal.com
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