Ein Albert Einstein zugeschriebenes Zitat lautet: «Not everything that counts can be counted, and not everthing that can be counted counts.» Das ist insofern von ethischer Relevanz, als bei einer Konzentration auf das Messbare wichtige menschliche Ressourcen und Kapazitäten unberücksichtigt bleiben. Unternehmensführung nur nach Key Performance Indicators (KPIs) ist nicht der Weisheit letzter Schluss.
Von Dr. Stefan Streif
Reichweite des Messbarkeitsideals
Die Aufgabe der Ethik besteht darin, Wertvorstellungen zu analysieren und auf ihre Zweckmässigkeit und Zukunftsfähigkeit zu prüfen. Dazu gehören auch Ideale. Das Messbarkeitsideal ist seit mehreren Jahrzehnten in allen entscheidenden Gesellschaftsbereichen von hoher Bedeutung. Es besagt in etwa: Die Wirklichkeit dieser Welt kann mit Messungen (Daten Zahlen, Algorithmen) umfassend und verlässlich repräsentiert werden.
Hält man sich an den zweiten Halbsatz von Einstein, wird wohl einiges gemessen, was keine grosse Relevanz hat. Das Messbarkeitsideal jedoch würde ohne Zweifel unterschätzt, wenn man es auf solch beschränkte Relevanz reduzieren würde. Andererseits wird «Messbarkeit» sicherlich dort überschätzt (und erweist sich gerade dort als ein «Ideal»), wo all das, was nicht messbar ist, als irrational oder irrelevant abgetan wird. Schwer oder kaum messbare Faktoren wie Unternehmenskultur, Charisma, Intuition, Vorstellungskraft, menschliche Individualität und Intentionalität scheinen in der Perspektive der Messbarkeit irrelevant, sind tatsächlich aber mitentscheidend resp. hoch relevant.
Eine konzisere Einschätzung der Reichweite des Messbarkeitsideals ist Sache der Philosophie, Soziologie oder Wissenschaftstheorie. In praktischer Perspektive liegt die Vermutung nahe, dass die Stärke des Messbarkeitsideals (Reduktion von Komplexität und Erhöhung der Handlungsfähigkeit) zugleich auch dessen Schwäche ausmacht. Wahrnehmung des komplexen natürlichen und gesellschaftlichen Umfelds sowie Entscheidungsfindung lassen sich nicht auf Daten, Zahlen und Quantifizierungen reduzieren.
Ethische Unternehmensbeurteilung im Bereich nachhaltiger Investments
Das zeigt sich beispielsweise in der Arbeit des Ethik-Komitees, das bei Arete Ethik Invest AG alle Titel und Emittenten aus ethischer Perspektive prüft, bevor investiert wird. Dabei verwendet dieses Ethik-Komitee auch Zahlen und Quantifizierungen, die sich am ESG-Konzept orientieren. Das Konzept ESG bietet für die Bereiche Umwelt (E), Soziales (S) und Governance (G) quantifizierbare Messgrössen, die Unternehmen dazu nutzen können, ihre eigene Entwicklung hinsichtlich Nachhaltigkeit zu prüfen, Ziele festzulegen und Strategieanpassungen vorzunehmen. Aus dem Konzept ist während der vergangenen 20 Jahre eine Industrie geworden mit Ratingagenturen, internationalen Konferenzen, Labels und spezifischen Regulatorien. Dass Quantifizierungen aber nicht ausreichen, um ein umfassendes Bild von einem Unternehmen zu erhalten, zeigt sich in der Arbeit des Ethik-Komitees oft.
Zwei Beispiele:
- Die definierten «G»-Kriterien für Corporate Governance im ESG-Konzept (e.g. Unabhängigkeit von Board-Mitgliedern, Skepsis gegenüber Doppelmandat, Diversität von BoardMitgliedern bezüglich Kompetenzen, Alter, Gender, Nationalität u.a.) können nicht gewährleisten, dass ein Unternehmen auch klug geführt wird. Gemäss ESG-Kriterien war die Corporate Governance der Credit Suisse bis ins Jahr 2023 recht gut aufgestellt, was nicht verhindern konnte, dass das Unternehmen fast kollabierte und gezwungen wurde, von seinem Rivalen übernommen zu werden. Gefragt ist offensichtlich mehr als das Erfüllen von ESG-Kriterien allein.
- In den vergangenen Jahren ist die Diversität in Organisationen und Institutionen stark gefördert worden, was zu begrüssen ist. Es werden zur Diversität in Unternehmen zahlreiche Daten erhoben (e.g. wie viele Ethnien sind in der Mitarbeiterschaft vertreten, wie alt sind die Vertreterinnen, wie viele Meetings hatten die Employee Resource Groups u.a.). Was diese Zahlen leisten können, ist in Hinweisen darauf zu finden, wie die Fördermassnahmen optimiert werden können. Aber die Zahlen können nicht gewährleisten, dass die gewünschte Wirkung auch eintritt. Und darauf kommt es letztlich an: Kann die geförderte Diversität die erwünschte Multiperspektivität tatsächlich strategisch, strukturell und kulturell fruchtbar machen? Das kann man nicht messen. Nicht alles, was zählt, ist messbar; vor allem ist schwer messbar, was wirklich zählt.
Kluge Unternehmensführung
Führen heisst, auch in Schönwetterperioden, «navigieren» in einem hochkomplexen und von zahlreichen Unsicherheitsfaktoren bestimmten Umfeld. Kluge Führung wird nicht auf verlässliche und gut interpretierte Daten verzichten wollen – ESG bleibt in diesem Sinne eine unverzichtbare Entscheidungsgrundlage. Sie wird aber unverfügbaren, schwer oder nicht messbaren Faktoren vermehrt Aufmerksamkeit schenken und sich auf das konzentrieren, was wirklich zählt. Dabei steht kluge Führung vor der Herausforderung, quantitativ schwer messbare Aspekte qualitativ fruchtbar zu machen.
In gut geführten Unternehmen und Organisationen geschieht dies längst (z.B. gehaltvolle Stakeholderdialoge, Employee Resource Group oder Gewährung hoher Freiheitsgrade für Mitarbeitende zur Kreativitätsförderung). Über diese erwünschten Ansätze hinaus sollten weiter brachliegende Ressourcen viel systematischer genutzt werden, als das bisher geschieht. Es geht um Kombination resp. Integration unterschiedlicher Erfahrungshintergründe. Die Förderung von Multiperspektivität ist als systematisches Vorgehen zu verstehen, das die Zusammenführung diverser Ressourcen ermöglicht.
Mit Beachtung von prozeduralen Regeln können solche bisweilen auch divergierende Erfahrungshintergründe, kulturelle Prägungen, diverse Kontexte und auch beiseitegelassene ethische Ansätze in Entscheidungsprozesse eingebunden werden. Mit messbaren ESGKriterien alleine ist das nicht erreichbar. Nachhaltige Entwicklung auf jeder Ebene muss eine konsequentere Integration von Qualität und Quantität, Messbarem und Unverfügbarem, harten Fakten und weichen Faktoren, Methode und Intuition anstreben.
Das quantitativ Messbare muss ergänzt werden durch qualitative Ansätze, um der tatsächlichen Komplexität der Umwelt näher zu kommen. Wer daran interessiert ist, schaue sich doch mal den Film «Sully» (2016) von Clint Eastwood an, der nicht nur hohen Unterhaltungswert hat, sondern ein gelungenes Beispiel der Integration von Datenmanagement und Intuition oder Vorstellungskraft darstellt.
Zusammenfassung
- Das Messbarkeitsideal, das die Realität mit Daten und Zahlen abbilden will, wird überschätzt und vernachlässigt oft entscheidende, schwer messbare Faktoren wie beispielsweise Intuition und Unternehmenskultur.
- ESG-Kriterien bieten eine wichtige Grundlage für ethische Unternehmensbewertungen und Unternehmensführung, sind aber allein nicht ausreichend, um die Komplexität und Führungskompetenz eines Unternehmens vollständig zu erfassen.
- Kluge Unternehmensführung erfordert die Integration von messbaren Daten und qualitativen, schwer erfassbaren Aspekten, um den Herausforderungen einer komplexen Umwelt gerecht zu werden. Die systematische Nutzung unterschiedlicher Erfahrungshintergründe kann entscheidende Wettbewerbsvorteile bringen.
Wo nur Zahlen zählen, geht Orientierung verloren
Der grosse Erfolg der mathematischen Sprache in der modernen Naturwissenschaft und (Finanz-)Wirtschaft kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Messbarkeitsideal gleichzeitig auch seine Grenzen hat. Wenn Szientismus und Ökonomismus genuine ethische Reflexion zu ersetzen trachten, dort, wo standardisierte Compliance die Integrität zu verdrängen droht, verliert die Ethik ihren qualitativen – und eben nicht quantitativen – Kerngehalt. So sehr Zahlen als wohlverstandenes Mittel zur besseren Orientierung und Einordnung helfen, so sehr herrscht ethische Orientierungslosigkeit und Beliebigkeit vor, wo nur noch die Zahlen «zählen».
Beispiele ethischer Methoden
Ethik als wissenschaftliche Disziplin (Praktische Philosophie) fusst auf einer wissenschaftlichen Methode. Verschiedene ethische Ansätze fussen wiederum auf verschiedenen Methoden.
Utilitarismus (als Typ einer konsequentialistischen Ethik)
Es ist die Handlung zu wählen, welche als Folge «zum grössten Glück der grössten Zahl» führt; Methode hierzu: Zählen und Verrechnen von Nutzeneinheiten.
-> quantitative Methode
Tugendethik
Der wahrlich tugendhafte Mensch wählt diejenige Handlung aus, welche im Einklang mit einem klugen, tapferen, besonnenen usw. Charakter steht.
-> qualitativ-quantitative Methode
Deontologie
Handlungsprüfkriterium der Verallgemeinerbarkeit: «Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde!»
-> Kategorischer Imperativ; qualitative Prüfmethode
Diskursethik
Konsenssuche und Reflexionsgleichgewicht statt reinem quantitativen «Abzählen» von Stimmen. Wird beispielsweise formal im Ethik-Komitee bei Arete Ethik Invest AG so umgesetzt.
-> qualitative Methode
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| Nr. 2 | Februar 2025 | Wissen – fundierte Entscheidungen |
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Dr. Stefan Streiff
Dr. Stefan Streiff, Partner und Senior-Ethik-Analyst von Arete Ethik Invest AG. Theologiestudium und ManagementWeiterbildung der Universität Zürich. Inhaber des Beratungsunternehmens «Kommunikation & Ethik». www.arete-ethik.ch
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