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So wird der Organisationsgeist stärker

Der Organisationsgeist (abgeleitet von Teamspirit) ist das, was eine Organisation zusammenhält. Er verbindet die Mitglieder einer Organisation, beeinflusst deren Denkweise, Entscheidungen, Handlungen und Interaktionen. Die kommenden Zeilen zeigen auf, wie der Organisationsgeist durch einen unsichtbaren roten Faden gezielt gestärkt wird und welche Unterstützung taoistische und buddhistische Weisheiten auf diesem Weg bieten. Sind heutige Organisationen bereit für eine solche Transformation?

Von Joël Lachat

Der unsichtbare rote Faden

Der unsichtbare rote Faden ist der Prozess der strategischen Unternehmensführung. Unsichtbar und rot? Der Faden ist unsichtbar, weil er von den Mitarbeitenden nicht gesehen wird. Er ist jedoch rot, weil er der strategischen Unternehmensführung eine klare Struktur gibt. Die strategische Unternehmensführung ist der mehrjährige Entwicklungsprozess, der eine Organisation an einem Daseinsgrund und einer Vision ausrichtet (siehe Abbildung). Alles mit dem Ziel, den Organisationsgeist zu stärken.

Begonnen wird mit dem Purpose, dem Grund, warum die Organisation existiert. Am Beispiel der Heimatt Gruppe lautet dieser: «Wir stärken KMU betriebswirtschaftlich.» Alle Mitarbeitenden identifizieren sich damit. Jede:r aber aus einem individuellen Grund. Alle arbeiten so, motiviert auf ein grösseres Ziel hin. Nachdem der Purpose klar ist, geht es über in die Vision, man beschäftigt sich mit der Frage: «Wohin will sich eine Organisation in den nächsten fünf Jahren entwickeln?» Jedes Team entwickelt ausgerichtet auf diese Vision eine Teammission, bei der untersucht wird, was jedes Team zur Erreichung der Vision beitragt. Daraus werden strategische Initiativen abgeleitet, denn die Entwicklung hin in Richtung Vision soll fokussiert ablaufen. Zielbilder (Objectives) und Projekte (Key Results) helfen dann, die Entwicklungsziele in operative Massnahmen herunterzubrechen.

Organisationen nehmen diesen mehrjährigen Prozess der strategischen Unternehmensführung auf sich, um die Ressourcenverschwendung zu minimieren, der Organisation eine Identität zu geben und das ganze Organisationssystem in Einklang zu bringen. Wer diese Arbeit bereits einmal durchführen durfte, weiss, dass sich ein Organisationssystem nicht in den Einklang bringen lässt, wenn die Teilschritte wie in einer Checkliste abgearbeitet werden. Mitarbeitende dürfen auf diesem Weg nicht vernachlässigt werden. Auch sie müssen sich auf den Entwicklungsweg hin in Richtung Einklang begeben.

Warum der Einklang so erstrebenswert ist, und was es dafür braucht

Eine Person steht in einem Teich und verliert einen wertvollen Ring. Sie beginnt sich aufgrund dessen, unruhig zu bewegen, und der Sand am Grund wird aufgewirbelt und verdeckt die Sicht. In einer solchen Situation ist es schwierig, den Ring zu finden. Wer sich in dieser Situation jedoch ruhig verhält und darauf wartet, bis sich der Sand setzt, hat die grössere Chance, den Ring wieder zu finden.

Diese Geschichte stammt aus dem Taoismus und veranschaulicht, wie wichtig es ist, in emotional aufwühlenden Situationen ruhig zu bleiben, die Situation aus der Distanz zu betrachten und sich zu überlegen, welche Reaktion die optimalste ist. Achtsamkeit und Gelassenheit sind deshalb wichtige Schlüsselelemente, um das Leben zu meistern.

Der Ring ist in dieser Geschichte die Metapher für das Tao. Das Tao ist der Weg, das Prinzip des Lebens, die Energie, die das ganze Universum durchdringt. Es beschreibt das Leben im Einklang mit der natürlichen Ordnung. Ziel jedes Taoisten ist es deshalb, das Tao zu spüren und mit diesem Strom des Lebens zu schwimmen. Das durch den Sand getrübte Wasser verkörpert das unachtsame Leben. Wer unachtsam durchs Leben geht, wühlt Sand auf, verliert die Gelassenheit und wird vom Gefühl der Unsicherheit und des Chaos begleitet.

In einer Organisation verhält es sich gleich. Wenn zu viele Projekte laufen, diese womöglich noch in unterschiedliche Richtungen ziehen, dann wird Sand aufgewirbelt, und die betroffenen Mitarbeitenden fühlen sich orientierungslos – alles wirkt dann chaotisch. Führungspersonen sollten deshalb Achtsamkeit und Gelassenheit in den Arbeitsalltag bringen. Dadurch werden Mitarbeitende ruhiger, und das Tao der Organisation wird für alle spürbarer. In dieser Situation lässt sich der unsichtbare rote Faden besser aufbauen und verankern. Achtsamkeit und Gelassenheit sind deshalb essenziell, um im Einklang zu leben.

Strategische Unternehmensführung angelehnt an Unalome

Der Weg zu mehr Achtsamkeit und Gelassenheit

Wer könnte den Weg zu mehr Achtsamkeit und Gelassenheit besser beschreiben als der Buddhismus? Der Buddhismus beschreibt den Zustand der totalen Achtsamkeit und Gelassenheit mit dem Wort Nirvana. Nirvana heisst auch sorgenlos sein, im Einklang leben. Den Weg dorthin beschreibt der Buddhismus mit dem Symbol der Unalome. Es handelt sich dabei um eine Linie, die den Weg zur Erleuchtung zeigt. Die Linie wird dabei von unten nach oben gelesen.

Zuunterst ist eine Spirale, sie stellt das unbewusste Leben dar. In dieser Lebensphase eignen sich Menschen Strategien an, um mit dem Leben klarzukommen. Diese Strategien werden heute unter anderem Glaubenssätze genannt. Menschen in diesem Zustand fühlen sich fremdgesteuert, ausgeliefert und betiteln sich oft als Opfer von Situationen. Das Leben in diesem Zustand ist chaotisch und unbefriedigend. Aus unterschiedlichsten Gründen kann diese Spirale, diese Hilflosigkeit, durchbrochen bzw. verlassen werden. Wenn ein Mensch diesen Schritt macht, erkennt er seine angelernten Strategien bzw. Glaubenssätze nach und nach bewusster. In den buddhistischen Texten wird zudem davon geschrieben, dass jede Person Glaubenssätze nur bewusst erkennt, wenn er/sie dazu bereit ist, diese aufzulösen. Sobald die Spirale verlassen wird, beginnt der Transformationsweg. Die Erkennung von eigenen Denk- und Verhaltensweisen führt dazu, dass bewusst entschieden werden kann, Glaubenssätze aufrechtzuerhalten oder umzuwandeln. Glaubenssätze, die uns im Weg stehen, führen nämlich dazu, dass wir Umwege in unserem Leben gehen. Die Unalome stellt diese Umwege in Schleifenform dar. Mit jeder Auflösung eines Glaubenssatzes, der uns im Weg steht, können wir besser mit dem Leben umgehen. Der Lebensweg scheint sich von selbst auszurichten. Je ausgerichteter unser Lebensweg wird, desto mehr nähern wir uns dem Nirvana, dem Fluss des Lebens an.

In einer Organisation treffen die Glaubenssätze von Einzelnen auf die kollektiven Glaubenssätze. Um sich mit einer Organisation auf dem Weg der Unalome zu bewegen, ist es wichtig, dass jede:r an seinen eigenen Glaubenssätzen arbeitet und gemeinsam an den kollektiven Glaubenssätzen gearbeitet wird. Durch den bewussten Umgang mit Glaubenssätzen entsteht also mehr Achtsamkeit und Gelassenheit – eine neue Arbeitswelt.

Eine neue Arbeitswelt

Wie würde wohl eine Zukunft aussehen, in welcher Menschen, Teams und Organisationen achtsam und gelassen sind? Wie würde eine Zukunft aussehen, in welcher Menschen, Teams und Organisationen sich bewusst strategisch entwickeln, im Einklang leben und arbeiten?

Menschen, die im Einklang leben, die bewusst und gelassen arbeiten, sind gesünder und motivierter, sich für ihren Purpose einzusetzen. Sie arbeiten zielorientierter, effektiver und effizienter. Mehrere dieser Menschen zusammen formen so Teams, die mit schwierigen Herausforderungen umgehen können. Teams, die Unmögliches möglich machen. Dysfunktionen werden früh erkannt und ausgemerzt. Organisationssysteme haben einen existenziellen Grund und dienen allen Menschen, die mit dieser Organisation zu tun haben. Sie bieten einen wahrgenommenen Mehrwert für die Gesellschaft. Sollten wir uns also nicht auf einen bewussten Entwicklungspfad begeben? Was fehlt noch, um bewusster, achtsamer, gelassener zu leben und zu arbeiten?

Ein Anstoss des Verwaltungsrats

Die bewusste Organisationsentwicklung kann überall beginnen. Eine Mitarbeiterin kann durch ihr Verhalten die Kultur in Richtung bewusste Organisationsentwicklung bewegen. Vielfach bedeutet dies jedoch einen Kampf mit viel Widerstand. Viel besser ist es, wenn Führungspersonen ihr Team auf diesen Entwicklungsweg bringen oder wenn dies strategisch vorgegeben wird. Dieser Anstoss muss durch den Verwaltungsrat geschehen. Wenn der unsichtbare rote Faden noch zu wenig Hilfestellung bietet, dann werden es die ganzheitlichen, holistischen Ansätze von Friedrich Glasl, Ken Wilber und Frederic Laloux tun. Ihre Ansätze helfen, alle Komponenten eines Organisationssystems miteinander zu betrachten und vorwärtszubewegen. Was ist also der nächste Schritt?

  • Nutze Achtsamkeit und Gelassenheit, um das Tao zu spüren.
  • Nutze Glaubenssätze bewusst, denn sie helfen und hindern uns gleichermassen.
  • Nutze den unsichtbaren roten Faden zur Ausrichtung deiner Organisation und für mehr Achtsamkeit und Gelassenheit.

Joël Lachat

Joël Lachat ist Organisationsentwickler und richtet die Heimatt Gruppe am unsichtbaren roten Faden aus. Er unterstützt ausserdem KMU auf ihrem Weg der digitalen Transformation | Leiter Digitale Transformation & Mitglied der Geschäftsleitung bei der Heimatt Gruppe | MBA strategisches Management & Leadership. www.linkedin.com/in/joël-lachat

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