
Klimakleber, von Bewohnern wegen des Klimawandels aufzugebende Alpentäler, erhobener Zeigefinger aus Strassburg. Der Klimawandel und die Massnahmen zur Reduktion der den Klimawandel verursachenden Treibhausgase werden oft kontrovers und in grossen Lettern diskutiert. Und das zu Recht. Der Klimawandel ist eine der grössten Herausforderungen der Weltbevölkerung.
Von Oliver Schenker
In einem historischen Schritt hat sich die Weltgemeinschaft 2015 in Paris darauf verständigt, die globale Erwärmung deutlich unter 2 °C zu halten und, wenn irgend möglich, auf 1,5 °C zu begrenzen. Grosse Volkswirtschaften transformieren in einem beeindruckenden Tempo ihre Energiesysteme. So zeigen neue Daten, dass China 2024 wohl etwa 340 Gigawatt an Solar- und Windkraftkapazität neu installieren wird. Zum Vergleich: Die gesamte Kraftwerkskapazität der Schweiz beträgt etwa 23 Gigawatt. Der 2022 von der US-Regierung verabschiedete Inflation Reduction Act stellt die Summe von 370 Mrd. US-Dollar für die Beschleunigung des Umbaus hin zu einem CO2 -armen Energiesystem vor. Auch der chinesische Staat pumpt riesige Summen in den Aufbau von potenziellen zukünftigen Schlüsselindustrien wie Photovoltaikmodulen, Batterien oder Elektroautos – und schafft damit eventuell gigantische Überkapazitäten und Verwerfungen des globalen Handelssystems, auf das auf der Gegenseite mit Einfuhrzöllen reagiert wird. Welche Auswirkungen das langfristig auf globale Lieferketten haben wird, ist unklar.
Gleichzeitig führen vermehrte Extremwetterereignisse zu lokal beträchtlichen wirtschaftlichen Schäden, unter anderem durch Betriebsunterbrechungen wie infolge des Rhonehochwassers im Sommer 2024 im Wallis oder durch Zerstörungen der Verkehrsinfrastruktur wie am San Bernardino. Auch das beeinträchtigt Lieferketten und damit auch Firmen fernab des Extremwetterereignisses. In einer 2022 am ZEW veröffentlichten Studie konnten wir mittels der Analyse von internationalen Handelsdaten zeigen, dass eine lokale Hitzewelle in einem Land zu verminderten Exporten führt und so volkswirtschaftliche Kosten in anderen, durch die Hitzewelle nicht direkt betroffenen Ländern verursacht.
Das zeigt, dass auch Schweizer Unternehmen sich mit den Auswirkungen des Klimawandels (den sog. physischen Klimarisiken) und dem Strukturwandel, den klimapolitische Massnahmen und veränderte Konsumentenbedürfnisse (den sogenannten Transitionsrisiken) auslösen können, beschäftigen müssen. Zwar sind nur sehr wenige Unternehmen stark direkt und unmittelbar betroffen – nur etwas über 90 Anlagen von Unternehmen in der Schweiz in den emissionsintensivsten Sektoren wie Zement, Metall oder Chemie sind in den europäischen Emissionshandel integriert, dessen Preise für den Ausstoss einer Tonne CO2 inzwischen so hoch sind, dass dadurch Unternehmensstrategien und Investitionsentscheidungen massgeblich beeinflusst werden. Auch der CO2 -arme Schweizer Strommix führt dazu, dass die meisten Unternehmen einen relativ geringen CO2 -Fussabdruck haben. Auch ist die Schweiz ein wohlhabendes Land, das sich Infrastrukturmassnahmen zur Anpassung an den Klimawandel grundsätzlich leisten kann.
Das heisst aber nicht, dass Schweizer Unternehmen dem Thema Klimarisiken indifferent gegenüberstehen sollten. Die obigen Beispiele zeigen: Märkte verändern sich in rasendem Tempo, Risiken lauern in Lieferketten, aber auch in Greenwashing-Vorwürfen und in Bezug auf die Beziehung zu Banken und Finanzmärkten.
ESG und Sustainable Finance sind die zwei Schlagworte, die die Finanzbranche in den vergangenen Jahren stark geprägt haben. Zwar scheint der anfängliche Rummel wieder etwas weniger geworden zu sein, aber eins bleibt klar: Nachhaltigkeitskriterien sind und bleiben wichtig, auch für die Kreditvergaben von Banken. Auch Banken, deren Kerngeschäft ja gerade der langfristige Umgang und das Bepreisen von Risiken ist, möchten Klimarisiken in ihren Portfolien, wenn auch nicht eliminiert, dann zumindest angemessen bepreist wissen.
Das Messen und Management dieser Risiken ist allerdings weder für Banken noch für Unternehmen trivial. Fossile Energieträger sind tief in unserer Wirtschaft und Gesellschaft verankert. Der weltweite Umbau von Energie- und Transportsystemen, des Gebäudesektors und der Landwirtschaft kann nur schwer abschätzbare Auswirkungen auf Geschäftsmodelle haben. Unternehmen müssen daher ihre Strategien kontinuierlich anpassen, um auf diese Veränderungen reagieren zu können. Dies erfordert eine vorausschauende Planung und die Integration von Klimarisiken in die strategische Entscheidungsfindung.
Es ist deshalb auch die Aufgabe von Verwaltungsräten, sich mit diesen Risiken und ihren Auswirkungen zu beschäftigen und damit sicherzustellen, dass die Unternehmensführung diese Risiken gegebenenfalls ernst nimmt und entsprechende Massnahmen ergreift. Daten und Beobachtungen aus der Vergangenheit bieten nur begrenzte Hinweise auf zukünftige Entwicklungen. Risiken sind schwer zu extrapolieren, sondern laueren wahrscheinlich an nicht offensichtlichen Stellen. Wie aber diese «unknowns unknows», wie sie es der frühere US-amerikanische Verteidigungsminister Donald Rumsfeld einmal genannt hat, erkennen und adressieren?
Ein effektives Instrument zur Erkennung von Klimarisiken kann das Denken in Szenarien sein. Angenommen, die Schweiz und – für die hochvernetzte Schweizer Wirtschaft auch von hohem Belang – die Europäische Union schaffen es, wie vorgesehen, bis 2050 Netto-Null-Treibhausgase auszustossen. Wie sieht dann der Absatzmarkt meiner Produkte aus? Man muss allerdings gar nicht so weit in die Zukunft blicken: Das kürzlich revidierte Schweizer CO2 -Gesetz verlangt bis ins Jahr 2030 eine Reduktion der inländischen Treibhausgasemissionen um etwa 33% relativ zu den Emissionen im Jahr 1990. Davon sind allerdings laut dem Bundesamt für Umwelt BAFU bis Ende 2022 erst 24% geschafft. Nimmt die Politik diese Vorgaben ernst, werden spätestens in vier, fünf Jahren neue politische Massnahmen diskutiert werden müssen. Die EU versucht derweil, den Import CO2 -intensiver Produkte durch den sogenannten Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) zu reduzieren.
Werden relevante Vorprodukte, die ein Unternehmen in der Produktion benötigt, weiterhin zu wettbewerbsfähigen Kosten verfügbar sein? Sollte sich beispielsweise die CO2 -Abgabe, die heute Brennstoffe wie Heizöl und Erdgas um CHF 120.– pro Tonne CO2 verteuert, um 50% erhöhen, was wären die Konsequenzen für die Kosten von Vorprodukten, der eigenen Produktion, aber auch für der Nachfrage nach den eigenen Produkten? Was wären die Konsequenzen, wenn sich Ereignisse, wie die schlussendlich relativ glimpflich ausgegangene Beschädigung der SanBernardino-Route, regelmässig wiederholen würden?
Niemand weiss, wie die Welt im Jahr 2030, geschweige denn im Jahr 2050 aussehen wird. Szenarien können allerdings plausible Hinweise geben, was passieren könnte und welche Entwicklungen eintreten könnten. Sie ermöglichen dadurch ein konsistentes Denken in Möglichkeiten.
Szenarien sind schon lange ein viel benutztes Hilfsmittel in der Klimawissenschaft, aber auch im Risikomanagement von Zentralbanken und Finanzinstitutionen. Das sogenannte Network for Greening the Financial System (NGFS) entwickelte gemeinsam mit renommierten Forschungsinstitutionen eine Reihe von möglichen Klimaszenarien: Von einer «Hot house world», in der die globalen CO2 -Emissionen weiter steigen, über Szenarien einer ungeordneten Transformation, bei der plötzlich und abrupt die Emissionen gesenkt werden müssen (mit entsprechenden volkswirtschaftlichen Verwerfungen), hin zu Szenarien einer geordneten Transformation.
(Quelle: Wissenschaftsplattform Sustainable Finance)
Allerdings sind diese Szenarien stark makroökonomisch geprägt und in ihrer Auflösung oft zu gering, um direkte und indirekte Konsequenzen für einzelne Geschäftsmodelle daraus ableiten zu können. Diese Szenarien können allerdings einen ersten groben Anknüpfungspunkt für gesamtwirtschaftliche Risiken liefern, die dann in einen zweiten Schritt mit individuellen und spezifischen Annahmen und Überlegungen zu relevanten Märkten und Herausforderungen ergänzt werden können. Eine solche Analyse verschiedener Klimaszenarien ermöglicht es Unternehmen, die potenziellen Herausforderungen und Konsequenzen besser abschätzen zu können und auch in Kreditverhandlungen mit Banken zu zeigen, dass man seine unternehmerischen Hausaufgaben gemacht hat.
Unternehmer sind es gewohnt, Risiken einzugehen und Entscheidungen unter Unsicherheit zu treffen. Es ist die Aufgabe des Verwaltungsrats als Überwachungsorgan, sicherzustellen, dass das Unternehmen eine Strategie verfolgt, die sich Klimarisiken bewusst ist. Dies bedeutet, dass nicht nur Risiken minimiert und die Widerstandsfähigkeit erhöht wird, sondern auch potenzielle Chancen für das Unternehmen auf dem Weg zu einer nachhaltigen Zukunft erkannt und genutzt werden.
| Ausblick auf die kommenden Ausgaben | ||
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| Nr. 1 | Dezember 2024 / Januar 2025 | Strategie – für den Erfolg von morgen |
| Nr. 2 | Februar 2025 | Wissen – fundierte Entscheidungen |
Dr. Oliver Schenker
Dr. Oliver Schenker ist stellvertretender Leiter des Forschungsbereichs «Umwelt- und Klimaökonomik» am Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim. Er ist daneben assoziiertes Mitglied der Wissenschaftsplattform Sustainable Finance, des Frankfurt Competence Centre for German and Global Regulation sowie Senior Advisor des Think-Tanks «Climate & Compay» und unterrichtet an der Mannheim Business School. www.zew.de
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