
Seit dem Durchbruch von ChatGPT stehen Unternehmen vor der Aufgabe, KI verantwortungsvoll zu nutzen. Dabei geht es um die Balance zwischen technologischen Chancen und Risiken für Mitarbeitende und Gesellschaft. Neue Ethikstrukturen entstehen, um den Umgang mit KI zu steuern und das Vertrauen in die Organisation zu sichern. Digitale Ethik ist damit unverzichtbar für eine zukunftssichere Unternehmensstrategie.
Von Jean-Daniel Strub und Johan Rochel
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Wie stark die generative künstliche Intelligenz (KI), also ChatGPT und andere grosse Sprachmodelle, die Arbeitswelt verändern, hat erst kürzlich eine Studie der Denkfabrik Avenir Suisse zum Thema gemacht1. So könnte laut der Studie die Produktivität in manchen Bereichen stark erhöht werden – es könnte aber auch jede dritte Person mit einer abgeschlossenen höheren Berufsbildung von neuen KI-Instrumenten konkurrenziert werden (bei Personen mit Hochschulabschluss ist es jede vierte). Selbstverständlich sind Prognosen immer mit Vorsicht zu geniessen – aber auch wenn diese Schätzungen zu hoch lägen, würden sie doch unmissverständlich klarmachen, dass es falsch wäre, das disruptive Potenzial der KI zu unterschätzen.
Ähnlich liegen die Dinge bei den möglichen positiven Effekten auf Mensch, Unternehmen und Gesellschaft. Auch wenn etwa die Gewinnsteigerungen, die erste Firmen nun als Folge des Einsatzes generativer KI ausweisen, hoch gegriffen wirken, zeigt sich auch hier, dass es gilt, den Einfluss der neuen Instrumente nicht zu unterschätzen. Auch im Bereich der Medizin könnte generative KI in absehbarer Zukunft grossen Mehrwert für Behandelnde und Patient:innen stiften – schon heute geht es hier darum, dafür zu sorgen, dass die dabei erzielten Vorteile tatsächlich zu echten Verbesserungen für Mitarbeitende und Leistungsempfänger:innen führen und auch wirklich allen zugutekommen.
All diese Themen gehen mit ethischen Fragen einher. Es sind Fragen der Verantwortung, der Vertraulichkeit, der Gleichbehandlung oder der Gerechtigkeit. Kein Wunder also, stellen sich immer mehr Unternehmen explizit die Frage, wie sie mit diesen ethischen Fragen so umgehen können, dass sie die neuen Technologien verantwortungsvoll nutzen können, und welche Werte und Prinzipien sie dabei leiten sollen. Dies auch mit dem Ziel, für Mitarbeitende, Kund:innen und Peers aus den jeweiligen Branchen vertrauenswürdige und glaubwürdige Partner:innen zu bleiben.
Dabei entstehen vielerorts Leitlinien für den Umgang mit generativer KI, aber auch eigentliche «Ethikstrukturen» in den Organisationen – von eigens eingerichteten Fachstellen in grösseren Unternehmen über den regelmässigen Austausch mit externen Expert:innen bis hin zur Einrichtung beratender EthikBoards findet sich eine breite Palette an Möglichkeiten, die passende Organisationsform für das jeweilige Unternehmen zu definieren. Dabei reichen die behandelten Themen natürlich über den Umgang mit künstlicher Intelligenz hinaus: Es geht auch genereller um den verantwortungsvollen Umgang mit Daten, um Transparenz und um Überwachung, aber auch um die allgemeinen Auswirkungen des Einsatzes neuer Technologien auf das Geschäftsleben und im weiteren Sinne auf die Gesellschaft. Ethische Fragen zu stellen bedeutet, nach den Werten und Prinzipien zu fragen, die die Entscheidungen des Unternehmens leiten, und dann Rechenschaft darüber zu verlangen, wie diese konkret umgesetzt werden.
Dass ethischen Fragen im Kontext der Digitalisierung so offen begegnet wird, ist eine gute, ja eine unverzichtbare Entwicklung. Denn die Stakes, wie es neudeutsch heisst, sind tatsächlich hoch. Die Entwicklung ist aber eindeutig neueren Datums. In groben Zügen lassen sich drei Phasen unterscheiden. Als wir vor sieben Jahren mit unserem Lab für Innovationsethik, das wir simpel und unzweideutig «ethix» tauften, unsere Beratungstätigkeit begannen, begegneten uns manche Unternehmen zwar mit Wohlwollen, aber auch mit deutlich spürbarer Skepsis. Unüberhörbar schwang nicht selten die Frage mit: Was hat Ethik mit der Digitalisierung in unserem Unternehmen zu tun? Kümmert sich nicht die IT schon um alle relevanten Aspekte? Es brauchte schliesslich auch den einen oder anderen Skandal in grossen und kleineren Organisationen, bis die Bedeutung des Themas breiter ins Bewusstsein rückte.
Dann begann eine zweite Phase, die von einem stärkeren Interesse an ethischen Fragen geprägt war. Nicht, weil die massgeblichen Personen in den Unternehmen alle zu Philosoph:innen geworden wären, sondern vielmehr, weil sie verstanden hatten, dass diese Grundsatzfragen auch die Kundschaft und Mitarbeitenden vermehrt interessierten. Tatsächlich zeigt sich in vielen Betrieben, dass die schwierigen Fragen nicht nur von der Kundschaft aufgeworfen werden. Der Wunsch, verantwortungsvoll mit digitalen Tools umgehen zu können und darin von der Führung unterstützt zu werden, wird oft von den Mitarbeitenden besonders deutlich geäussert, die hartnäckig die Frage nach dem Sinn und den Auswirkungen ihrer Arbeit auf die Gesellschaft stellen – und sich nicht selten auch anhand der Antworten, die sie auf ihre Fragen erhalten, für oder gegen eine:n potenzielle:n Arbeitgeber:in entscheiden. In dieser zweiten Phase realisierten viele Unternehmen, dass sie ein strategisches Interesse daran haben, besser auf ihre digitalen Produkte und Geschäftsprozesse zu achten – und zwar sowohl als Nutzende als auch als Entwickler:innen digitaler Anwendungen. Dies auch mit Blick auf das internationale Umfeld, in dem ethische Themen oft mit noch grösserer Selbstverständlichkeit angegangen werden.
Seit einigen Monaten – und beschleunigt durch die eingangs erwähnten Effekte der Veröffentlichung von ChatGPT – sind wir in eine dritte Phase eingetreten: die Phase der Institutionalisierung. Immer öfter stellen sich auch kleine und mittlere Unternehmen die Frage, wie sichergestellt werden kann, dass der Einsatz digitaler Tools, insbesondere von KI, nicht zu Reputationsproblemen für das Unternehmen, zum Ausscheiden von Mitarbeitenden oder zum Schaden für die Gesellschaft führt. Nicht in allen Fällen ist ein «ethics officer» in den eigenen Reihen oder ein externes Ethik-Board die richtige Lösung. Vielmehr steht die ganze Palette möglicher Ethikstrukturen zur Verfügung, und wir machen oft die Erfahrung, dass es sich lohnt, zur Wahl der geeigneten Mittel für die Erreichung des angestrebten Ziels spezialisierte Beratung beizuziehen. Letztlich steht die Herausforderung im Zentrum, als Unternehmen jeder Grösse die unvermeidlichen Abwägungen zwischen Chancen und Risiken neuer digitaler Tools so fällen zu können, dass sie ihre digitale Verantwortung und ihre Reputation gegenüber Kund:innen und Mitarbeitenden stärken können. Der Dreischritt, den die Ethik im Kontext der Digitalisierung gerade durchläuft, lässt sich auch bei anderen Themen beobachten. So haben die Diskussionen um Nachhaltigkeit eine vergleichbare Entwicklung hinter sich: eine Phase der Skepsis, eine Phase des strategischen Interesses und eine lange, noch immer andauernde Phase der Institutionalisierung. Diese Phase ist entscheidend, denn sie ermöglicht es, die an Unternehmen und auch an staatliche Organisationen gerichteten Erwartungen zu strukturieren. Und sorgt so für eine bessere Berücksichtigung ethischer Herausforderungen und damit der Interessen aller.
Jean-Daniel Strub und Johan Rochel
sind Co-Gründer und Co-Geschäftsführer von ethix – Lab für Innovationsethik in Zürich. Das Büro berät Organisationen aller Art im Umgang mit Fragen der digitalen Ethik und bei der internen Institutionalisierung entsprechender Prozesse. Darüber hinaus sind Rochel und Strub als Experten für digitale Ethik in der Weiterbildung, als Referenten und in der Moderation von öffentlichen (Fach-)Anlässen tätig. www.ethix.ch
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