
Zeitgenössische lokale Unternehmen bewegen sich in einem «total internationalen» Umfeld. Dies findet häufig unbewusst statt, vor allem bei KMU, welche vielfach einen eher lokalen Markt bearbeiten. Globale Perspektiven haben heutige Businessmodelle und -praxen unabwendbar längst erfasst. Ähnlich der Digitalisierung prägen sie das Tagesgeschäft und jegliche Strategieentscheidungen. Die damit verbundenen Herausforderungen stellen eine enorme Chance dar, welche eine tiefgehende Transformation der Geschäftsvision sowie des Mindsets der Unternehmensleitung und der Belegschaft lanciert. Es gilt eine «international geeichte» Perspektive anzunehmen und diese proaktiv und transparent zu leben.
Von Thomas Brigger
- Lokale KMU agieren in einem «total internationalen» Geschäftsumfeld.
- Diese neuen Herausforderungen eröffnen enorme transformative Chancen.
- Geförderte, transparente und stetige Lernbereitschaft gilt als die Grundlage.
- Proaktives Vorleben einer Transformation durch «internationale Eichung» folgt.
Der gängige, vielleicht sogar übertriebene, Gebrauch des Begriffs «international» ist in der heutigen Zeit ein simpler Fakt. Seine Bedeutung hat sich dementsprechend während der letzten Jahrhunderte stark verschoben, sich den Zeiten angepasst und einen neuen Platz eingenommen. Während das Wort ursprünglich die zwischenstaatliche Beziehung zweier (oder mehrerer) Staaten zu erklären versuchte, ist in der letzten Zeit festzustellen, dass sich der Begriff international im Sprachverständnis dem von global annähert. Dies ist vor allem der Fall, wenn von international tätigen Unternehmen und deren Kultur die Rede ist.
Wir leben in einer Ära von globaler Kommunikation und weltumspannenden Möglichkeiten immer schnellerer Distribution, welche uns erlauben, sofort weltweit gehört zu werden und zu geschäften. Gleichzeitig eröffnet sich ebenfalls die Option, konzentrierte lokale Aktionen oder Geschäfte abzuwickeln.
Eine totale Realität als neue Perspektive
Begünstigt durch Technologie und Digitalisierung, haben internationale Perspektiven zeitgenössische Businessmodelle und -praxen längst erfasst. Sie werden diese weiter prägen und in Zukunft verändern. Die Prämisse, eine Firma nur als international zu bezeichnen, wenn diese Auslandfilialen oder Import/ Export betreiben, respektive ausländische Gesellschaften mit Wissen und Ideen zu beliefern würde, ist nicht mehr zeitgemäss. Im selben Gedankengang wird eine Firma nicht deshalb aktiv international, weil deren externe Kommunikation auf LinkedIn und Instagram exklusiv in englischer Sprache geführt oder deren interner Jargon gewissen «Claims» und «Purposes» folgen würde. Beide Beispiele tragen der heutigen Welt bei Weitem nicht Rechnung.
In der Welt von heute wird alles mit internationalen Massstäben gemessen und auf einem internationalen Niveau verglichen, auch wenn dies vielfach lokal keinen oder wenig Sinn macht. Unsere zeitgenössischen, globalen Geschäftsrealitäten, auch wenn sie nur exklusiv lokal ausgelebt werden, sind «TOTAL». Wir können uns ihnen nicht entziehen und sind uns ihres grundlegend transformativen Einflusses zu oft unbewusst. Ähnlich wie die Totalität der Digitalisierung bestimmen sie alle unsere Entscheidungen, auch die einer reaktiven und zurzeit sehr beliebten «Verweigerung», die eines Rückzugs auf puristischere, lokalere Werte als mögliches Alleinstelbewusst, global gefärbten, potenziellen Kunden und vor einem farbfrohen internationalen Hintergrund konsumiert.
Das schon lange bekannte «Swiss Made» oder «Swiss Quality», beide seit jeher in englischer Sprache, sowie die bewusste Adaption und Integration von internationalen Sprachfloskeln oder Bildwelten in lokalspezifische Deutschschweizer Werbung für lokalspezifische Deutschschweizer Produkte zeigen eine leise, aber spürbare Verlagerung der klassischen Definition in Richtung eines zeitgenössisch lokalen und «international geeichten» Unternehmens. Viel mehr als um simple geschäftliche Beziehungen und Austausch mit dem Ausland geht es heutzutage um eine wahrhaftige Verschiebung der Perspektive jeglicher Teile der Geschäftstätigkeit in derer alltäglichen Applikation. Dies gilt für globale Konzerne, aber umso mehr für lokale Schweizer KMU.
Eine «international geeichte» Belegschaft und deren Kompetenzen
Diese neue Vision von lokalem und «international geeichtem» Unternehmertum, in seinem als «total» gefühlten globalen Wirkungsraum, benötigt eine Adjustierung und bewusstere Anwendung von interpersonellen Kompetenzen und anderen Soft Skills, deren Wichtigkeit bereits in Verbindung mit der Digitalisierung erkannt und diskutiert wurde. Sie gehören nun endgültig und viel breiter als bisher zur Tagesordnung.
Dazu zählen unter anderem avancierte kommunikative Fähigkeiten, welche international verständliche Geschichten und Bildwelten zu verstehen und auf deren lokale Relevanz zu analysieren helfen. Insbesondere Führungskräfte müssen diese globale Vision in einen lokalen Kontext übersetzen und zu integrieren wissen, um Mitarbeiter, Kunden und andere Stakeholder mit auf die Reise nehmen zu können.
Die zeitgenössische, geeichte Unternehmung ist an eine stetige Kontinuität gebunden, welche nicht unterschätzt werden darf. Es wird niemals ausreichen, guten Willens das Geschäftsmodell anzupassen oder die Unternehmenskultur internationaler zu gestalten und dann keine klaren Aktionen folgen zu lassen. Der eingeschlagene Weg muss ständig infrage gestellt und wann immer nötig angepasst oder erneuert werden.
Die angesprochene internationale Vision ruft ebenfalls ein Bedürfnis an «international geeichten» Mitarbeitern und Führungsgremien hervor. Es handelt sich hierbei idealerweise um Personen mit einem internationalen Hintergrund, möglicher Auslanderfahrung oder starken multikulturellen Interessen. Multiple Eindrücke, vielschichtige kulturelle Einflüsse und erweiterte persönliche Netzwerke erlauben es einer «international geeichten» Person, Zusammenhänge anders wahrzunehmen. Sie wertet die Realität sowie deren Herausforderungen oder Probleme anders, weitläufiger und schlägt folglich, im Gegensatz zu einer puren lokalen Sichtweise, innovativere Lösungen vor.
Es ist jedoch klar, dass es für Firmen schwierig bis unmöglich sein wird, einen Teil, und schon gar nicht die Gesamtheit, der bestehenden Belegschaft mit «international geeichten» Personen auszutauschen. Dies würde auch keinen Sinn machen, weder technisch, ökonomisch oder operationell. Und schon gar nicht ethisch. Es ist deswegen vielmehr wünschenswert, sich auf die «internationale Eichung» proaktiv, und wenn nötig mit externer Hilfe, einzulassen; sie sich als Führungskraft anzueignen und sie täglich, bewusst und transparent den Mitarbeitern vorzuleben.
Wie jegliche tiefreichende und langfristige Transformation braucht auch die «internationale Eichung» einer zeitgenössischen lokalen Unternehmung Zeit, Energie, Durchhaltevermögen und eine Firmenkultur, welche eine weitreichende Lernbereitschaft und eine natürliche Neugier begrüsst, aktiv unterstützt und ernsthaft anerkennt.
Ihre Kunden verdienen ein weltoffenes Unternehmen, mit einer Geschäftsführung und Belegschaft, die über jegliche Tellerränder hinwegzuschauen vermögen, gerne neue Wege erkunden sowie zahlreiche kulturelle, geschäftliche und persönliche Gesichtspunkte an den kollektiven Znüni-Tisch bringen, um diese auszudiskutieren.
Thomas Brigger
Thomas Brigger, MA HE, FHEA, mit zwei Jahrzehnten Erfahrung im privaten Hochschulwesen verändert er heutige Ausbildungs- und Weiterbildungserfahrungen in realistisches, lebenslanges Lernen. https://thomasbrigger.net
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